Er hört die Tore in der Dunkelheit fallen

Neue Luzerner Zeitung

Er ist Fussballfan und fast jedes Wochenende im FCL-Stadion: Kurt Reimann. Bei Toren jubelt er begeistert mit. Nur sehen tut er sie nie. 

Ein Raunen kündigt Kurt Reimann an, dass etwas Gutes passiert. Ianu spielt den Ball zu Tchouga. Dann ist es ganz still. Die Fussballfans halten den Atem an. Tchouga hämmert aus 18 Metern auf den Ball in Richtung Tor. Eine Granate in die linke Torecke. Er trifft. 7000 Luzerner schreien reflexartig auf. Für Reimann ist klar, dass es mit dem Treffer geklappt hat. Er reisst die Hände in die Höhe und schreit: «Goal!» Nur gesehen hat er das Tor nicht.

Kurt Reimann ist blind. Und: Er ist begeisterter Fussballfan. Seit Jahren besucht er die Spiele des FC Luzern. So auch den letzten Match dieser Vorrunde gegen den FC Aarau. Die grossen Flutlichter, die im schwarzen Nachthimmel grell leuchten, und die Umrisse von Menschen kann Reimann zwar als helle und dunkle Flecken erkennen, aber die Freistösse, die Corner, die Fouls, die Tore, das alles sieht Reimann nicht. «Ich konzentriere mich auf die Atmosphäre. Die verrät mir, wie das Spiel ungefähr läuft», sagt Reimann. «Bei einem Foul schreien die Leute anders als bei einem Tor.»

Der beste Freund: Floyd

45 Minuten sind gespielt, und der FC Luzern liegt 2:0 in Führung. Es ist beissend kalt im Stadion Gersag, und der 65-jährige Reimann nippt an einem Kafi Schnaps. Zu seinen Füssen, auf einer Wolldecke neben dem Blindenstock, liegt Floyd. Der achtjährige Labradorrüde ist sein ständiger Begleiter. Floyd ist ein ausgebildeter Blindenführhund, der Italienisch versteht. Sagt Reimann zu Floyd «Porta», bringt der Hund den Horwer zum Beispiel zur Türe eines Busses.

Bei «Entra» steigen sie zusammen ein, bei «Resta» wartet Floyd. Über 30 solcher Befehle kennt der Hund. «Er ist einer meiner engsten Freunde und ist lernbegierig. Ihm macht es Spass, mich zu führen», sagt Reimann. Floyd wurde auf Italienisch trainiert, weil Wörter in dieser Sprache mehr Vokale haben und für den Hund leichter zu verstehen sind.

Blumensammlung im Kopf 

Nach 50 Minuten spielt Davide Chiumiento Joetex Frimpong mit einem hohen Ball an. Frimpong nimmt den Ball kurz an und spielt ihn gleich wieder Chiumiento weiter. Der steht mittlerweile im gegnerischen Sechzehner. Kaltblütig versenkt Chiumiento den Ball in die linke Torecke. Es ist das 3:0. Reimann fragt gleich nach, wie das Tor gefallen ist.

Es gab Zeiten, in denen der Horwer nicht seinen Banknachbarn hätte fragen müssen. Denn Kurt Reimann war nicht immer blind. Bis 25 konnte er normal sehen. Dann merkte er plötzlich, dass er immer mehr Mühe hatte, nachts etwas zu erkennen. Er ging zum Augenarzt. Der stellte ihm die Diagnose: Retinitis pigmentosa. Bei dieser Krankheit schränkt sich das Gesichtsfeld immer mehr ein, bis man gar nichts mehr sieht. So, als ob jemand langsam einen Vorhang zuziehen würde. «Das kann innerhalb von wenigen Jahren passieren», sagt Reimann. Er habe Glück gehabt. «Bei mir verläuft die Krankheit sehr langsam.» Das konnte er damals mit 25 aber noch nicht wissen. «Ich habe damals begonnen, in meinem Kopf Bilder zu sammeln. Habe etwa Blumen genauer angeschaut und sie mir eingeprägt.» Für später.

Seitdem lebt er quasi in der visuellen Vergangenheit. «Der kommende Winter wird in meinem Kopf jener Winter sein, an den ich mich zuletzt erinnern kann», sagt Reimann. Er sei froh über diese Bilder. «Ich würde es vermissen, wenn ich mir nicht vorstellen könnte, wie wundervoll die Farben des Herbstes sind.»

Akzeptiert hat Reimann seine Krankheit bis heute nicht. Nein, sie ärgert ihn. «Manchmal macht sie mich traurig, wütend, deprimiert.» Dann fluche er auch, wenn im Haushalt etwas nicht klappt. Wenn er in der Wohnung, in der er zusammen mit seiner Frau lebt, den Kopf anstösst oder eine Tasse umkippt.

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Kurt Reimann kommt mit seinem Blindenhund Floyd beim Stadion Gersag in Emmenbrücke an. (c) Neue Luzerner Zeitung, Philipp Schmidli

Eine Schweinerei 

Auch bei der Arbeit hat sich die Krankheit bemerkbar gemacht. Mit 40 absolvierte Reimann, der gelernte Innendekorateur, die Handelsschule und arbeitete danach im Büro einer Grosshandelsfirma der Innendekorationsbranche. Dann, vor zehn Jahren, als er immer weniger sah, haben sie ihm gekündigt. Man hätte seinen Arbeitsplatz auf seine Bedürfnisse abstimmen, hätte die Arbeitsabläufe ihm anpassen sollen. Er hätte zum Beispiel einen sprechenden Computer gebraucht. «Aber der Wille des Arbeitgebers fehlte.» Für Reimann ein schwerer Schlag. Es sei für ihn ein schlimmes Kapitel gewesen. Das macht ihn zuerst traurig und dann wütend: «Man stellt Behinderte grundsätzlich nicht gerne ein. Das ist eine Schweinerei. Das können Sie ruhig ganz gross schreiben: EINE SCHWEINEREI.»

Ärgern tut er sich auch im Stadion. Aus dem FCL-Fan-Block hört man «Scheiss Aarau»-Gesänge. «Das ist primitiv. Man muss nicht noch auf den Gegner draufhauen, wenn er schon am Boden liegt.» Für den FC Aarau zeichnet sich eine bittere Niederlage ab. Joetex Frimpong schiesst in der 62. Minute das 4:0. Genug für die Aarauer Fans. Sie gehen nach Hause.

Pfosten vor dem Kopf 

Während Reimann erzählt, schält ein Mädchen zwei Stuhlreihen vor ihm eine Mandarine. Im Dunst von Bratwürsten, im Bier- und Kafi-Schnaps-Duft, unmöglich erriechbar. Nicht so für Reimann. Es ist erstaunlich, wie sehr er seine Sinne trainiert hat. Fragt man Reimann während des Spiels, was gerade vorfällt, liegt er vielfach richtig. Er hört trotz Umgebungslärm dieses dumpfe Knallen des Fussballs, wenn ein Verteidiger ihn kräftig in Richtung Mittellinie schlägt. «Meine Sinne wurden durch die Erblindung nicht besser. Ich konzentriere mich nur mehr auf meinen Gehör-, meinen Geruchs- und meinen Tastsinn.»

Früher stand Reimann selbst auf dem Fussballfeld. Mehr noch: Er spielte beim FC Luzern, in der dritten Mannschaft. «Ich war Flügelspieler.» Irgendwann hatte er wegen der Krankheit immer mehr Mühe, bei Flanken den Ball zu sehen oder bei einem Kopfball zur richtigen Zeit hochzuspringen. Mit 40 musste er seine Fussballkarriere beenden. Dem FCL blieb er aber treu. Er war für mehrere Jahre im Vorstand des Vereins. Reimann ist seitdem Ehrenmitglied und hat einen reservierten Tribünenplatz im Stadion. In Emmen ist dieser Sitz einer der schlechtesten – direkt hinter einer grossen Säule. «Mir macht das ja nichts aus», sagt Reimann ganz locker. Manchmal muss er sogar lachen, wenn Witze auf seine Kosten gemacht werden. «Einmal kam ich ins Fussballstadion, da hat jemand gerufen: ‹Macht Platz, der Schiedsrichter kommt.›» Den Witz fand Reimann gut.

Der Untergang des FC Aarau 

Während der Partie gegen den FC Aarau ist der Schiedsrichter kein Thema. Es gibt für die FCL-Fans auch keinen Grund dazu. In der 64. Minute erzielen die Luzerner das 5:0. Dann, in der 80. Minute, schiesst Ianu sogar noch das 6:0. «Ein Wahnsinnsspiel», sagt Reimann. Das Resultat bleibt bis zum Abpfiff stehen. Langsam erwacht Blindenhund Floyd, der auf seiner Wolldecke eingeschlafen ist. Reimann greift erst nach dem Bügel, den Floyd am Rücken trägt, dann nach seinem Blindenstock und lässt sich durch die Menschenmenge führen.

Der Soundtrack des Spiels 

Reimann kommt nicht gerne ins provisorische Stadion Gersag. «Das ist weit weg von Horw, und für mich ist es mühsam, da hinzukommen.» Deshalb freut er sich auf das neue Stadion Allmend. «In Basel im Stadion gibt es für Blinde extra einen Kopfhörer, durch den das Spiel live kommentiert wird.» So etwas wünscht er sich auch für Luzern.

Klappt das nicht, konzentriert sich Reimann wie bisher auf den Soundtrack eines Fussballspiels: auf aggressiv laute Schiedsrichterpfiffe bei einem Foul, auf das dumpfe Knallen des Balls, wenn ein Spieler auf ihn drescht, auf das Gefluche der Fans bei einer verpassten Torchance ihrer Mannschaft, auf diese erlösenden, hemmungslosen Triumphschreie bei einem Tor.

So sieht Kurt Reimann das Spiel.

(Titelbild: (c) Neue Luzerner Zeitung, Philipp Schmidli)

 

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