Der Holzklotz von Ohmstal

Kolumne / Zentralschweiz am Sonntag

In meinen Elternhaus herrscht Zwist. Nein, nicht die Ehe kriselt, das Objekt des Disputs steht in der heimischen Stube: Vier Meter breit, zwei Meter hoch, dunkelbraun, aus massivem Holz, goldene Scharniere, – die Wohnwand. Ein Möbel, wie es so bestimmt noch in Zigtausenden anderen Schweizer Haushalten steht.

Als ich neulich bei meinen Eltern im idyllischen Ohmstal zu Besuch war, nahm mich meine Mutter bei Seite und hielt mir mit leuchtenden Augen einen Möbelprospekt unter die Nase. Darauf zu sehen war eine schöne, helle Wohnwand. Topmodern. «Die kaufen wir», sagte sie mir. «Wir müssen nur noch den Vater überzeugen.» Der aber hänge leider sehr an der alten. Ja, er verhalte sich gar mühsam und sträube sich regelrecht gegen etwas Neues. Ich konnte mir zu diesem Zeitpunkt nur schwer vorstellen, wie man an einer zwar funktionalen, aber optisch doch ziemlich altväterlichen Wohnwand dermassen hängen kann.

Doch nur wenig später beim gemütlichen Sonntagskaffee, witterte mein Vater seine Chance. Mutter und ich sassen gerade am Küchentisch, als er plötzlich mit einem gelben Zettel in der Hand erschien. Es war der Kaufbeleg der Wohnwand – 31 Jahre alt, Kaufpreis damals: gut 10 000 Franken. Was dann folgte, war ein Plädoyer für ein Möbelstück, wie es in der Geschichte des Möbels bis jetzt wohl kaum je gehalten wurde. Ein Plädoyer, das man Möbelverkäufern als Schulungsvideo zeigen sollte.

Diese, unsere Wohnwand, begann mein Vater, vereine mehrere Stile in sich. Unter anderem den holländischen und den flämischen. Deshalb sei sie bis jetzt stets modern gewesen. Egal, welcher Stil gerade ‹in› war, unsere Wohnwand habe immer mithalten können. Sie sei aus massiver Eiche, die Scharniere extra fest angeschraubt. Kaputt gingen die nie. Sowas könne man ja heutzutage gar nicht mehr bezahlen. Und weil mein Vater wusste, dass Worte zwar überzeugen, Taten aber noch viel mehr, bat er meine Mutter und mich in die Stube.

Es folgte eine Präsentation! Wir mussten die Schubladen der Wohnwand rausziehen, damit wir fühlen (!) konnten, wie schwer und massiv dieses Prunkstück eines Möbels ist. «Das sind keine zusammengeleimten Spanplatten», schwärmte mein Vater. Und während er weitere spektakuläre Eigenheiten unserer Wohnwand vorführte, flüsterte meine Mutter zu mir: «Die kann man nicht mal mehr in eine Brockenstube geben.» Die Wohnwand direkt entsorgen kam aber auch nicht in Frage – das brachte sie dann doch nicht übers Herz. Also musste eine Lösung her.

Geschickt schaltete meine Mutter eine «neutrale» Person ein: den Freund meiner Schwester. Dieser wurde damit beauftragt, den bättigschen Holzklotz zu fotografieren und auf die Auktionsplattform ricardo.ch zu stellen. So würde man herausfinden, wie hoch die Allgemeinheit den Wert des Stücks einschätzt. Mit dieser Lösung hat sich auch mein Vater abgefunden. Er ist überzeugt, dass sie so «wenigsten in gute Hände» kommt – und noch den einen oder anderen Franken abwirft.

Noch ist das Möbelstück nicht online. Und es ist leider zu befürchten, dass mein Vater einen komplett überrissenen Fantasiestartpreis für die Auktion fordern wird. Zudem – pardon, lieber Vater – wüsste ich wirklich niemanden, aber auch gar niemanden, der bei dieser Auktion mitbieten würde. Trotzdem muss ich als Angehöriger der Ikea-Generation meinem Vater auch Recht geben. Ganz falsch liegt er nämlich nicht, wenn er sagt: Möbelstücke sollten lange halten – ähnlich wie Ehen. Und so meinte er denn auch versöhnlich: «Wenigstens tauscht sie nur die Wohnwand aus – und nicht gleich noch den Ehemann.»

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