Zug um Zug an die Spitze

Migros-Magazin

Die elfjährige Gohar Tamrazyan spielt Schach auf Spitzenniveau. Gegen die Schülerin haben selbst viele erwachsene Spieler keine Chance.

Am Ende war Gohar nur noch müde. 5 Stunden und 15 Minuten kämpfte sie. Schickte ihre Bauern in die Schlacht. Preschte mit ihren Läufern nach vorne. Und tat alles, um ihren König zu verteidigen. Nicht weniger als 116 Züge später musste sie sich jedoch gegen die amtierende armenische Meisterin an der Europameisterschaft geschlagen geben. Gohar war damals gerade mal neun Jahre alt. Es war die bisher längste Partie ihres Lebens.

«Ich ging ohne Nachtessen ins Bett. Es war schon fast 10 Uhr abends», erinnert sich die heute Elfjährige. Die Hand habe sie ihrer Gegnerin aber schon noch gegeben, auch wenn die Niederlage bitter war. Gohar ist eine faire Spielerin. Nun steht ein weiteres Grossereignis in ­ihrer noch jungen Schachkarriere ­bevor: Gohar nimmt am 24. Oktober an der Schachweltmeisterschaft ­World Youth and Cadets Championship 2015 in Griechenland teil.

Gohar Tamrazyan, Schachwunderkind

Gohar Tamrazyan hat bereits im Alter von fünf Jahren mit Schachspielen angefangen. (c) Migros-Magazin, Lea Meienberg

Der Vater hat keine Chance mehr

Gohar ist ein Schachtalent. In der Stube in der Wohnung in Erlinsbach im Kanton Aargau sind überall Schachbretter verteilt. Auf dem Nachttisch, im Schlafzimmer neben dem Barbie-Schulthek, in der Küche, in der Stube. Dort reiht sich auch ein gewonnener Pokal an den anderen. «Schweizer Vizemeisterin U12 – Genf 2015» steht auf einem. «9. Standard-­Open 2015 – Rheinfelden, beste Dame» auf einem anderen. Den grössten Erfolg konnte sie im letzten Jahr feiern. Sie wurde Schweizer Meisterin in der Kategorie U10.

Die Schachspielerin entdeckte ihre Liebe zum Spiel schon früh. Bereits im Alter von 5 Jahren fing sie an, aus Spass Figuren auf dem Schachbrett herumzuschieben. Als sie 6 war, startete das Training mit ihrer Tante, einer armenischen Schachtrainerin. Am Anfang spielte Vater Ararat Tamrazyan auch noch selber gern gegen seine Tochter. «Seit zwei Jahren habe ich aber keine Chance mehr», sagt der 40-Jährige.

Aufgewachsen ist Gohar in Armenien. Vor vier Jahren kam die Familie in die Schweiz, zog danach ein Jahr nach Deutschland und kehrte im Februar in die Schweiz zurück. Gohars Mutter hatte eine Anstellung als Ärztin gefunden. Der Umzug nach Deutschland hat bei Gohar Spuren hinterlassen. Sie wechselt fliessend zwischen Schweizerdeutsch und Hochdeutsch. Das sind nicht die einzigen Sprachen, welche sie beherrscht. Sie interessiert sich für Fremdsprachen wie Französisch und Englisch und bringt sich in ihrer Freizeit gerade selber Russisch auf dem Computer bei.

In einem Fach brilliert die Schachspielerin aber besonders: in Mathematik. Kein Wunder, geht es doch im Schach darum, hochkomplexe Zugabfolgen im Kopf durchzuspielen. «Gohar ist eine gute Schülerin. Sie hat in vielen Fächern eine 6 im Zeugnis», sagt Ararat Tamrazyan.

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Zwei Stunden trainiert Gohar nach der Schule täglich. (c) Migros-Magazin, Lea Meienberg

Schachboom in der Schule ausgelöst

Gohar ist aber nicht nur Schülerin, sondern auch Lehrerin. Seit sie in der Schule ihren Mitschülern in einem Kurs Schach beigebracht hat, ist das Brettspiel dort äusserst beliebt. «Die ganze Klasse spielt. In den Pausen oder vor dem Unterricht werden die Schachbretter hervorgeholt, und sie fragen mich nach Tipps», sagt sie stolz und lächelt. Mittlerweile haben sie sieben Schachbretter in der Schule.

Für Gohar geht das Schachspielen auch nach der Schule weiter. Täglich zwei Stunden übt sie. «Erst nachdem die Hausaufgaben gemacht sind. Das ist uns wichtig», sagt Vater Ararat. Mit Hilfe von Schachbüchern prägt sich Gohar Spielzüge ein. Auf der Internetsite Chessbase schaut sie sich zudem Partien an und analysiert sie. «Eine gute Schachspielerin braucht Konzentration und Geduld. Man muss auch viele Fallen stellen können», sagt sie.

Gohar bringt allerdings noch viel mehr Eigenschaften mit, die sie zu einer aussergewöhnlich guten Schachspielerin machen. «Sie ist enorm fokussiert und trainiert mit einer grossen Beharrlichkeit. Das gehört sicher zu ihren Stärken», sagt Gohars privater Schachtrainer Roberto Schenker, der an der Schachschule «Chess4Kids» in Horgen und Küsnacht unterrichtet. «Sie muss man nicht dauernd daran erinnern, dass sie trainieren muss.»

Schenker freut sich, dass sein Schützling an die Schach-WM fahren kann. «Auf diesem Niveau wird sie sicher auch die eine oder andere Niederlage einstecken müssen», sagt der 29-Jährige. Aber diese Erfahrung sei für Gohars weitere Entwicklung äusserst wertvoll. Dass das kleine Schachtalent solche Niederlagen gut wegstecken kann, hat sie ja schon einmal bewiesen.

Titelbild: (c) Migros-Magazin, Lea Meienberg. www.leameienberg.ch

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