Dem Himmel knapp entkommen

Zentralschweiz am Sonntag

Tandem-Fallschirm-Sprünge kennt jeder. Was ist, wenn man mit seinem eigenen Fallschirm  nach einem kurzen Kurs aus dem Flugzeug springt? Ein Selbstversuch.

Als der Flieger auf dem Flugplatz in Beromünster seine Motoren startet, gibt es kein Zurück mehr. Ich sitze zusammen mit 17 Fallschirmspringern eng zusammengepfercht auf einem kleinen Bänkchen, wie in einem Ruderboot, einer hinter dem anderen. Im Unterschied zu mir, haben die anderen aber schon Hunderte, wenn nicht Tausende Sprünge hinter sich. Das hier ist mein erster. Mein Körper ist in einen engen orangen Stretch-Overall gequetscht, auf meinem Kopf trage ich einen Helm, in meinem Gesicht eine Schutzbrille, an meinem Handgelenk ist ein Höhenmesser angebracht, und auf meinem Rücken befindet sich mein Lebensretter – der Fallschirm.

Der Körper pumpt Adrenalin

Gut 20 Minuten dauert der Flug, bis wir eine Höhe von 4000 Metern erreichen. Es sind lange 20 Minuten. In meinem Bauch kommt ein Gefühl aus Vorfreude, Anspannung und totaler Ruhe auf. Denn die Stimmung im Flugzeug ist schon fast meditativ. Die Motoren dröhnen dermassen laut, dass man sich nur schreiend unterhalten kann. Also schweigen alle, schauen aus dem Fenster in den wolkenlosen Himmel, auf den Boden, der für mich noch nie so weit weg war.

Auf 4000 Metern öffnet ein Springer die Seitentüre des Flugzeugs. Es dröhnt jetzt noch lauter. Die ersten drei Springer vor mir stürzen sich aus dem Flugzeug und sind innert Zehntelssekunden nicht mehr zu sehen. Dann bin ich an der Reihe. Ich knie mich an die offene Türe. Der Wind bläst mir mit Sturmstärke ins Gesicht. Mein Körper pumpt Adrenalin durch die Adern. Ich sammle mich noch einmal kurz, atme tief durch und springe raus.

Sechs Stunden zuvor. Wer einen so genannten Erstabsprung machen will, hat ein strenges Tagesprogramm vor sich. Um 9 Uhr empfangen mich Alexa Eben (über 3000 Sprünge) und Ralph Hermann (über 7000 Sprünge) vom Paraclub Beromünster beim Flugplatz in Beromünster. «Wir müssen uns ranhalten, auf euch kommen in den nächsten Stunden viele Informationen zu», sagt Alexa – beim Fallschirmspringen duzt man sich.

Bevor es in die Luft geht, muss ich erst mal eine Runde joggen. «Man muss eine gewisse Grundsportlichkeit mitbringen. Ansonsten kann so einen Sprung jeder machen», sagt Ralph. Danach lerne ich Theorie und bin dabei äusserst konzentriert. Denn Alexa trichtert mir ein: «Fehler, die ihr am Boden macht, macht ihr auch in der Luft.» Und wer will schon Fehler machen, währenddem er mit 200 Stundenkilometern auf den Boden zu rast.

Trockenübungen, bevor es ernst wird. So sollte man etwa beim freien Fall in der Luft liegen. (c) Zentralschweiz am Sonntag, Philipp Schmidli

Trockenübungen, bevor es ernst wird. So sollte man etwa beim freien Fall in der Luft liegen. (c) Zentralschweiz am Sonntag, Philipp Schmidli

Wenn der Schirm nicht öffnet

Wir gehen grob den Ablauf des Sprunges durch. Das Flugzeug fliegt uns auf 4000 Meter. Von dort springe ich mit zwei Instruktoren, die mich während des Flugs festhalten, aus dem Flugzeug. Auf 1700 Meter über dem Boden öffne ich selbstständig den Hauptschirm. Von da an bin ich alleine. Ich muss mich orientieren, den Flugplatz suchen, muss denFallschirm selbstständig steuern. Sobald ich in guter Sichtweite zum Boden bin, nimmt ein weiterer Instruktor per Funk Kontakt mit mir auf und dirigiert mich zur Landezone. So weit die Theorie.

«Bei jedem 1000. Sprung geht der Hauptschirm nicht richtig auf. Dann müsst ihr das Notfallprogramm durchführen», sagt Alexa. Ich schlucke. Dann gilt es, den Hauptschirm abzutrennen und den Notschirm zu ziehen. «Nachdem sich der Fallschirmgeöffnet hat, kontrolliert ihr, ob er schön rechteckig ist und ob die Leinen alle gespannt sind», sagt Ralph. Danach sollen wir zweimal die beiden Steuerleinen kräftig nach unten ziehen. «Ein schlecht geöffneter Fallschirm fällt dann sofort in sich zusammen.» Bitte nicht.

Ralph aber beruhigt mich. «Das Risiko ist klein. In den letzten sechs Jahren haben wir pro Jahr 10 000 Sprünge durchgeführt. Nur ein einziger Tandemgast ist bei der Landung mal umgeknickt und hat sich leicht verletzt.»

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Der Fallschirmlehrer gibt letzte Anweisungen am Boden. (c) Zentralschweiz am Sonntag, Philipp Schmidli.

Absoluter Rauschzustand

Doch alle Bedenken über Abstürze oder nicht geöffnete Fallschirme sind vergessen in dem Moment, in dem ich mit einem kräftigen Sprung aus dem Flugzeug springe. Mein Kopf ist überfordert, mein Körper schüttet Glückshormone aus – alle auf einmal. Alle innert Millisekunden. Absoluter Rauschzustand. Wumm! Eine Achterbahnfahrt ist nichts gegen das, und ich war schon auf den spektakulärsten Achterbahnen in den USA. Ich falle nun mit 200 Stundenkilometern in Richtung Boden. Der Wind ist ohrenbetäubend laut. Doch ich fühle mich schwerelos, frei, glücklich.

Danke, Schicksal

Die Zeit vergesse ich komplett. 50 Sekunden dauert mein freier Fall. Auf 2000 Meter über dem Boden sollte ich eigentlich meinen Blick nicht mehr vom Höhenmesser lassen. Sollte. Ralph ermahnt mich mit Zeichen mehrmals. Erst ein kleiner Klaps auf den Helm holt mich aus dem Rausch. Ich schaue auf den Höhenmesser. Er zeigt 1700 Meter an. Jetzt ziehen. Sofort. DerFallschirm bremst mich auf 10 Stundenkilometer. Alexa und Ralph ziehen ihre Schirme erst auf 1000 Meter. Ich bin also alleine. Ich schaue hoch. Der Schirm sieht gut aus. Er ist rechteckig, und die Leinen sind gespannt. Ich ziehe zweimal an den Steuerleinen. Der Schirm fällt nicht in sich zusammen. Danke, Schicksal.

Nun hänge ich also da, 1000 Meter über dem Boden, es ist jetzt ganz still. Sanft gleite ich in Richtung Boden. Wenn ich an der linken Steuerleine ziehe, fliege ich eine Linkskurve und umgekehrt – alles ist ziemlich simpel. Ich steuere auf den Flughafen Beromünster zu. «Andreas, hörst du mich», fragt mich der Instruktor am Boden über den Funk. Ruhig lotst er mich auf die Wiese, auf der ich landen soll. Auf den letzten 10 Metern in der Luft kommt der Boden ganz schön schnell näher. Ich reisse die Arme nach unten, der Schirm bremst, meine Beine berühren den Boden, ich renne, habe aber zu viel Vorlage und lege einen astreinen «Ränzler» hin. Doch das ist mir egal. Ich liege am Boden. Der Schirm vor mir im Gras. Ich bin unverletzt und stolz. Ich bin dem Himmel entkommen.

Titelbild: (c) Zentralschweiz am Sonntag, Philipp Schmidli

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