Das Schreckgespenst

Migros-Magazin

Mit seinem neuen Programm «Bühnenschreck!» will Kabarettist Dominic Deville die Kleinkunstszene aufmischen. So, wie man es von ihm kennt: laut, brachial, mit spitzen Pointen.

Dominic Deville (39) macht gern Sachen kaputt. Aber nicht nur. Manchmal trifft es nicht ganz absichtlich auch ein bisschen ihn selber. «Wenn ich auf der Bühne stehe, will ich radikal sein und ausbrechen», sagt der gebürtige Münchner. Wie radikal Deville sein kann, durften letztes Jahr die Mitglieder eines Frauenvereins erfahren. Deville trat mit seinem damaligen Bühnenprogramm «Kinderschreck!» auf, in dem er aus seinen Erfahrungen als Kindergärtner erzählte.

Der Saal war voll, die Stimmung gut. Dann holte Deville eine Kettensäge hervor, um mit ihr aus einem riesigen Stück Papier einen Scherenschnitt auszufräsen. Eine Dominic-Deville-Version eines Scherenschnitts eben: gefährlich, laut, verrückt. Die Nummer lief gut. Bis sich Deville mit der Motorsäge ins Bein schnitt. Eine Blutlache bildete sich auf dem Bühnenboden. Der verletzte Künstler musste mit einem Krankenwagen ins Spital gebracht werden. Deville hatte Glück im Unglück: Er zog sich nur eine Fleischwunde zu. Das Bein war noch dran.

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(c) Migros-Magazin, Basil Stücheli

Das meint Deville mit radikal. Er sucht immer den Punkt, an dem eine Performance auch furchtbar schiefgehen kann. «Ich will die Zuschauer im Ungewissen lassen. Sie sollen sich fragen: Spielt er das jetzt? Oder hat der sich jetzt tatsächlich ins Bein gesägt?»

Im Visier: Die Kleinkunstszene
Auch in seinem neuen Programm behält er diese Unberechenbarkeit bei. «Es wird laut und wild werden», verrät er. In «Bühnenschreck!» verarbeitet und parodiert Deville das, was er in den letzten zwei Jahren mit seinem alten Programm «Kinderschreck!» in der Schweizer Kleinkunstszene so alles erlebt hat. «Diese Szene ist in der Schweiz grösser, als der Name vermuten lässt. Und sie nimmt sich sehr ernst – manchmal zu ernst.» So sei es zum Beispiel nicht immer goutiert worden, dass er auf der Bühne Bier trinkt. «Das ist in der Kleinstkunstszene ein No-Go.» Hinter der Bühne werde dann aber ordentlich gebechert. Solche Mätzchen will Deville in «Bühnenschreck!» mit spitzen Pointen auf die Schippe nehmen. Ihm gehe es nicht darum, die Kleinkunstszene schlechtzumachen. «Ich habe ihr sehr viel zu verdanken, gleichzeitig fühle ich mich dieser Szene einfach nicht zugehörig. Dieser Umstand birgt viel Humor.» Philosophischen Tiefgang strebe er dabei auf der Bühne nicht an. «Du gehst ins Theater rein. Bam! Kriegst paar a d Schnorre, gehst dann wieder heim», fasst Deville das Publikumserlebnis an seinen Shows zusammen.

Diese «Immer-mitten-in-die-Fresse-rein-Attitüde» kennt man von Deville nicht erst seit seiner Zeit als Theaterschreck. Als Schlagzeuger der Luzerner Punkband Failed Teachers sind seine Bühneneskapaden nicht weniger martialisch. Von der Zerstörung des Schlagzeugs bis zur rabenschwarzen Beleidigung des Publikums – auch hier sucht er die Konfrontation. «Es geht immer um ‹Wir hier oben gegen euch da unten, und jetzt schauen wir mal, wo das hinführt›», sagt Deville. Der einzige Massstab, an dem er sich bei solchen Auftritten orientiert, sei er selber. «Ich frage mich: Was würde ich gut finden? Es gab schon Shows, da wollte ich dem Publikum zudienen. Die haben nicht funktioniert.»

Jugend in Punkszene verbracht
Dieses Vertrauen in sich selber hat Deville auch seinen Eltern zu verdanken. «Bei uns sind viele Künstler ein und aus gegangen. Ich wurde immer ermutigt, mein Ding durchzuziehen.» Auch in der Punkszene, wo er seine Jugend verbrachte, herrsche eine solche Do-it-yourself-Mentalität. Das habe er immer gemocht. «Wenn ein Projekt nicht funktioniert, machst du halt das nächste. Irgendwer wird sich dann schon dafür interessieren.»

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(c) Migros-Magazin, Basil Stücheli

Blickt man auf Devilles bisheriges Leben zurück, hat er diese Philosophie ziemlich konsequent umgesetzt. Mal hat er Karten- und Brettspiele erfunden, mal wahnwitzige Shows wie das «Vinyl-Horoskop» kreiert, bei dem er aus Schallplatten die Zukunft der Zuschauer heraushört. Zwischendurch arbeitete er immer wieder als Kindergärtner – und das sehr gern. «Kinder in diesem Alter haben noch nicht die komischen Ansichten der Erwachsenen übernommen: dieses Strebertum, dass alles irgendwohin führen muss. Sie sind einfach Kinder. Sie sollen für sich entdecken, was ihnen liegt und was nicht.»

Ganz für die eigenen Kinder da
Zurzeit kümmert sich Dominic Deville zusammen mit seiner Freundin Simone aber nur um seine eigenen Kinder Rocko (4) und Nico (2) und führt in Zürich ein mehr oder weniger ruhiges Familienleben. «Zürich ist einer der wenigen Orte in der Schweiz, wo ich es aushalte», sagt Deville. Er brauche dieses Städtische, wo immer etwas los sei. Sich zurückzulehnen, falle ihm schwer. «Wenn ich länger abseits auf dem Land bin, fängt es in mir an zu kribbeln.» Aus seinem Mund klingt das wie eine Drohung. Denn wenn es in Dominic Deville anfängt zu kribbeln, dann sollte das Publikum gedanklich schon mal die Fäuste zur Doppeldeckung vor den Kopf nehmen. Dann gibt es sicher bald wieder ordentlich aufs Maul.

(Titelbild: Migros-Magazin, Basil Stücheli)

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