«Lache oder du wirst irr im Kopf»

Interview

Kriege können nicht nur brutal, sondern auch skurril sein. In seinem Buch «Hello Camel» zeigt der Kriegsfotograf Christoph Bangert die absurde Seite von Konflikten. 

Herr Bangert, in Ihrem Buch schreiben Sie gleich zu Beginn, dass Sie nie so herzhaft gelacht haben wie im Krieg. Hat der Krieg Sie etwa verrückt gemacht?

Christoph Bangert: (lacht) Verrückt war ich schon vorher. Ernsthaft: Der Krieg hat mich nicht verrückt gemacht. Und das Lachen im Krisengebieten schon gar nicht. Im Gegenteil. Das Lachen hat mich davor geschützt, verrückt zu werden. Dieser Galgenhumor ist ein Schutzmechanismus. Den übrigens nicht nur ich entwickelt habe, sondern auch Soldaten und Zivilisten, denen ich in Kriegsregionen begegnet bin. Wer es nicht mehr schafft, von Herzen zu lachen, der muss eigentlich nur noch weinen. Diesen ganzen Horror hält man sonst gar nicht aus.

Im Buch haben Sie dies mit «lache oder stirb» auf den Punkt gebracht.

Entweder man kann in Kriegsgebieten lachen, oder man stirbt innerlich, man wird irr im Kopf. Manchmal fiel mir das unheimlich schwer. Aber es ist eine effiziente Weise, mit schwierigen Situationen umzugehen.

Was ist das denn für ein Lachen? Ein verzweifeltes, das Ihnen im Hals stecken blieb, oder tatsächlich ein fröhliches?

Beides. Wenn man im Irak oder in Afghanistan unterwegs ist, können Situationen manchmal wirklich auch lustig sein. Die Bilder in meinem Buch sollen solche Begegnungen zeigen. Ich will mich keinesfalls über den Krieg lustig machen. Ich fahre auch nicht in diese Regionen, um mich kaputtzulachen. Aber es hat mich doch immer wieder überrascht, wie skurril und absurd der Krieg sein kann. Solche Momente kommen in der normalen Berichterstattung kaum vor. Deshalb möchte ich auch diese Seite zeigen.

Was sind das für Situationen?

Ein Bild im Buch bringt einen solchen Moment der Absurdität perfekt auf den Punkt. Es zeigt amerikanische Soldaten, die im Irak auf Patrouille sind. Plötzlich taucht hinter der Mauer der Kopf eines Kamels auf. Die Soldaten und das Kamel schauen einander verwundert an. Beide Seiten, also das Kamel und die Soldaten, scheinen sich zu fragen, was denn der andere hier zu suchen hat.

Wie verhalten sich Soldaten bei solchen Einsätzen?

Als ich mit jungen GIs im Irak unterwegs war, haben die ständig «Kamele, Kamele» gerufen, weil sie noch nie echte Kamele gesehen hatten. Für die war ihr Einsatz so etwas wie eine touristische Reise. Diese jungen Soldaten waren zum Teil noch nie aus ihrem Heimatland gereist, und nun fanden sie sich in einer völlig anderen Kultur wieder. Dieser Graben zwischen Besatzer und Besetzten konnte im Irak und in Afghanistan nie überwunden werden. Das ist eigentlich eine tragische Sache, kann aber eben zu komischen Momenten führen.

Wie haben Sie den Alltag der Soldaten erlebt?

Das Leben der Soldaten ist für mich als Zivilist von morgens bis abends nur absurd. Ich habe ja Zivildienst geleistet, dementsprechend fremd ist mir die militärische Welt. Das ist aber ein Vorteil. Ich sehe dadurch Dinge, die den Soldaten wohl gar nicht mehr auffallen. Das Militär versucht ja, eine penible Ordnung in den Krieg zu bringen, der aber an sich komplett chaotisch ist. Diese Ordnung ergibt manchmal einfach keinen Sinn. Für einen Aussenstehenden ist das schon sehr befremdlich. 

Darf man zeigen, dass Krieg auch skurril und lustig sein kann? Wird er dadurch nicht verharmlost?

Ganz und gar nicht. Wenn wir erst begreifen, wie banal und alltäglich Krieg sein kann, dann haben wir ein bisschen vom tatsächlichen Horror begriffen. In der Berichterstattung werden bewaffnete Konflikte immer ziemlich heroisch und dramatisch dargestellt. Dabei passieren schreckliche Dinge in Konfliktgebieten im «normalen» Alltag der Menschen, die dort leben. Es herrscht in der Regel eine Normalität, die bedrückend, aber auch hoffnungsvoll sein kann.

Hoffnungsvoll?

Ich begegnete Menschen, die mitten in von Bomben zerstörten Gebieten ihre Wohnung fein säuberlich dekorierten, obwohl um sie herum alles den Bach runterging. Dieser Trotz gegenüber dem Kriegsalltag hat mich beeindruckt. Er hält die Menschen letztlich vor allem geistig auch am Leben. Die sagen sich: Meine Freunde sterben, alles ist zu Trümmern geschossen, aber ich lasse mich nicht davon abbringen, mein Zimmer zu dekorieren. Das wirkt zwar auf den ersten Moment etwas wahnsinnig. Aber diese Sturheit gibt auch Kraft.

Wie reagieren Menschen, wenn Sie erzählen, dass Sie im Krieg auch herzhaft lachen mussten?

Manche fühlen sich etwas vor den Kopf gestossen. Natürlich ist das eine provokante Aussage und sie soll auch provozieren. Wir leben in einer Gesellschaft, in der zum Glück fast niemand Kriegserfahrung hat. Deshalb ist es für viele Menschen auch nur schwer nachzuvollziehen, wie es sich anfühlt, in einem Konfliktgebiet zu leben. Als Fotograf oder Journalist haben wir die Aufgabe, diesen Graben mit unserer Berichterstattung zu überwinden. Dass die Menschen in Deutschland oder der Schweiz emotional berührt werden und sich für diese Kriege in Syrien, Afghanistan oder dem Irak interessieren. Denn nur so kann schliesslich politischer Druck aufgebaut werden. Auseinandersetzungen können beendet werden, wenn der Wille da ist. Mit meinen Bildern kann ich Konflikte leider nicht direkt beenden, aber zumindest Menschen emotional beeinflussen. Dafür braucht es auch unspektakuläre Bilder, die näher am Alltag der Menschen dran sind. Was die Gesellschaft nachher daraus macht, liegt nicht mehr in meinen Händen.

Braucht es nicht auch die brutalen und blutigen Bilder, um die Menschen zu berühren?

Unbedingt. Aber ich finde, dass unsere Kriegsberichterstattung in deutschen und Schweizer Medien nicht mutig genug ist.

Wie meinen Sie das?

Wir sollten den Schrecken auch unzensiert zeigen. Und zwar alles. Ich meine damit nicht so, wie es die Boulevardmedien machen, die die Menschen damit nur schockieren wollen. Das ist zu plump und auch nicht nachhaltig. Bilder müssen immer in einen Kontext gesetzt werden. Nur so können sie eine Reflexion beim Betrachter auslösen. Und wir müssen uns immer bewusst sein: Letztlich sind es nur Bilder. In Wirklichkeit ist es noch viel schlimmer.

Lösen solche Bilder beim Betrachter überhaupt noch etwas aus? Sind wir nicht alle durch die Bilderflut in den Medien zu sehr abgestumpft?

Selbst wenn wir abgestumpft wären, was ich aber nicht glaube, müssen wir diese Bilder zeigen. Wenn wir aufhören, solche Bilder zu publizieren, ist es, als würden diese Konflikte nicht stattfinden oder als hätten sie nie stattgefunden.

In Ihrem vorletzten Buch «War Porn» haben Sie genau solche Bilder gezeigt. Verstümmelte Menschen, verbrannte Leichen. In «Hello Camel» zeigen Sie die absurde und skurrile Seite. In welcher Beziehung stehen diese beiden Bücher zueinander?

Sie ergänzen sich. Es war mir wichtig, zuerst «War Porn» zu veröffentlichen, damit mir niemand vorwerfen kann, dass ich mit «Hello Camel» den Krieg verharmlose und banalisiere. Eigentlich passen die beiden Bücher ja überhaupt nicht zusammen. Überraschend ist deshalb, dass die Bilder in «War Porn» und in «Hello Camel» Situationen abbilden, die gleichzeitig stattfinden. Das verwirrt im ersten Moment, zeigt aber, wie moderne Kriege heute aussehen. Es stehen sich ja nicht mehr zwei Armeen gegenüber, die aufeinander losgehen. Es sind Bürgerkriege, Stellvertreterkriege. Und die sind unüberschaubar und chaotisch. Das macht es so schwierig, über sie zu berichten.

Wie sind Sie bei der Auswahl der Bilder für «Hello Camel» vorgegangen?

Die ersten Fotos für dieses Buch sind eher zufällig und nebenbei bei meinen Aufträgen für die «New York Times» in Afghanistan und dem Irak entstanden. Mit der Zeit habe ich beim Betrachten dieser eher unspektakulären Bilder gemerkt, wie spannend diese Momente sind, und angefangen, gezielt nach ihnen zu suchen. In den letzten Jahren ist einiges an Material zusammengekommen. Bei der Auswahl haben mir Kollegen und Freunde geholfen, die nie in einem bewaffneten Konflikt waren. Das ist ein wichtiger Prozess. Man selber ist mit den Fotos emotional sehr verbunden. Da fällt es schwer, eine Auswahl zu treffen.

Sie haben in Kriegsgebieten nicht nur Lustiges erleben dürfen, sondern haben auch «Kameradschaft», «Vertrauen» und «pure Liebe» erfahren, wie Sie schreiben. Wo ist Ihnen diese Liebe begegnet?

Auf unterschiedliche Weise. Es entwickelt sich ein wahnsinnig enges Vertrauen zu den Menschen, mit denen man in solchen Extremsituationen zusammenarbeitet. Sei es zu den schreibenden Kollegen oder fast noch mehr zu den Einheimischen. Man vertraut sich ja das Leben an. Aber auch unter Soldaten ist eine tiefe Verbundenheit zu spüren. Nicht umsonst redet man von diesem Mythos der Bruderschaft.

Sie mussten im Krieg herzhaft lachen, haben Sie auch von Herzen geweint?

Nein, das musste ich bis jetzt nicht. Grund zum Weinen hätte ich durchaus gehabt. Aber ich bin nicht der Typ, der bei solchen Einsätzen weint. Natürlich gab es Momente, in denen auch ich ziemlich niedergeschlagen war und mich gefragt habe, was ich hier eigentlich mache.

Wer oder was hat Sie dazu gebracht, trotzdem weiterzumachen?

Die einheimischen Kollegen. Als ich in Kandahar in Afghanistan war, war es für die einheimischen Journalisten und Übersetzer wahnsinnig gefährlich, mit Westlern zusammenzuarbeiten. Sie riskierten, entführt zu werden. Trotzdem machen sie immer weiter. Die glauben an die Berichterstattung und wie wichtig sie ist. Das hat mich tief beeindruckt und mir auch Kraft gegeben, immer wieder dorthin zurückzukehren.

Kennen Sie Kollegen, die diese Kraft nicht mehr haben? Die auch nicht mehr lachen können?

Es gibt Journalisten und Fotografen, die zu lange und zu oft in Krisengebieten unterwegs waren. Die fühlen sich in solchen Extremsituationen wohler als zu Hause. Dort kommt ihnen alles banal und langweilig vor. Wenn man aber das Leben zu Hause nicht mehr ernst nehmen kann, dann wird es gefährlich. Dann kommt man mit seinem Leben nicht mehr klar.

Sie haben aber das Lachen auch zu Hause nicht verloren?

Zum Glück nicht. Aber es ist nicht einfach, von einem Kriegsgebiet nach Hause zu kommen. Da muss man zu Hause auch Geduld haben, bis man wieder im Alltag ist. Ich stürze mich dann einfach in die Arbeit.

Sie leben mit Ihrer Familie in Deutschland, wo Parteien wie die «Alternative für Deutschland» Stimmung gegen Kriegsflüchtlinge machen und damit beachtliche Erfolge feiern. Sie haben gesehen, wovor viele der Flüchtlinge fliehen. Macht Sie diese Stimmungsmache wütend?

Das muss man differenziert sehen. Ja, es ist schon frustrierend, wenn Menschen in Deutschland meinen, dass Flüchtlinge hierherkommen, um ihre Arbeit wegzunehmen. Und es macht meine Arbeit als Fotograf nicht einfacher, weil ich sehe, wie begrenzt ich mit meinen Bildern schliesslich bin und dass ich damit offenbar nicht alle Menschen erreiche. Aber, und das ist eben sehr wichtig, nicht alle Menschen in Deutschland oder der Schweiz denken so. Die meisten Menschen halte ich nämlich für vernünftig, die auch Mitgefühl empfinden können. Die dürfen nicht vergessen werden. Für die bin ich unterwegs. Und bei den anderen bleibe ich einfach stur.

Zur Person:

Christoph Bangert in Africa. http://www.christophbangert.com/ http://africa.christophbangert.com/

Christoph Bangert, geboren 1978, ist ein mit dem World-Press-Foto-Award ausgezeichneter freier deutscher Fotograf. Er berichtet regelmässig aus Kriegs- und Krisengebieten. So fotografierte er in den vergangenen Jahren in Afghanistan, dem Irak, in Palästina oder in Darfur. Zu seinen Auftraggebern gehören unter anderem die «New York Times», der «Stern» und die «Neue Zürcher Zeitung». Im Jahr 2014 veröffentlichte er das Buch «War Porn», in dem er die schreckliche Seite des Krieges zeigte. Im aktuellen Buch «Hello Camel» zeigen Bangerts Bilder nun absurde und skurrile Situationen des Krieges in Afghanistan und im Irak.

Press image for the book hello camel by Christoph Bangert, Kehrer, Heidelberg (June 2016); ISBN: 978-3-86828-683-0; http://camel.christophbangert.com/ Please note: These photographs have been copyright cleared for world wide print reproduction only in the context of reviews of the books. No more than THREE photographs plus the cover image from the selection can be used in total Ð they are not to be used on the cover or cropped. The cover of the book hello camel.

Hello Camel, Kehrer Verlag, 96 Seiten, 39.90 Euro.

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