Irgendwo im Nirgendwo

Migros-Magazin
In Filmen sind Motels oft zwielichtige Orte. Im Motel Sihlbrugg trifft man zwar keine Gangster, dafür Ex-Fremdenlegionäre, Single-Männer und eine vife Betreiberin.

Am Abend bei Dämmerung wirkt der Industrieort Sihlbrugg ZG noch verlassener als am Tag. Keine Menschenseele auf den Trottoirs, nur der Verkehr brummt. Autos und einzelne Lastwagen schlängeln sich in Richtung Hirzel und zurück. Vorbei an Tankstellen, Rocker-Bars, Garagen, Restaurants und Möbelhäusern.

Von kaum einer anderen Gegend kann man so sehr behaupten, man kenne sie nur vom Vorbeifahren, wie von Sihlbrugg, dem Verkehrsknotenpunkt zwischen den Kantonen Zug und Zürich.

Wer hier vorbeikommt, der kann das Leuchtschild des Motels gar nicht übersehen. Gross wie ein Fussballtor steht es vor einer kleinen Auffahrt und wirkt so amerikanisch, dass es sich auch irgendwo in Montana befinden könnte. Vermutlich hat sich bei diesem Leuchtschild so mancher schon gefragt, welche Geschichten sich hinter dieser Auffahrt wohl schon abgespielt haben.

Denn Motels, eine Wortschöpfung aus «Motor» und «Hotel», regen nicht zuletzt wegen diverser Hollywoodfilme unsere Fantasie an. Bankräuber und andere Gangster übernachten dort, Prostituierte empfangen hier Freier, verbotenerweise natürlich. Und unvergessen sind die blutigen Szenen aus dem Film «No Country for Old Men», in denen Javier Bardem als eiskalter Killer in Motelzimmern seine Opfer meuchelt.

Ein Motel steht für anonymes Übernachten: Man fährt mit dem Auto direkt vor die Zimmertür und bezahlt an der Rezeption, an der nicht viele Fragen gestellt werden. Die Preise sind günstig, der Komfort ist überschaubar.

Kulisse für Krimis

Das Motel in Sihlbrugg ist das alles – nicht. Kein anonymer Ort, kein Stundenhotel, keine Verbrecherbude. Doch Geschichten, ja, die kann die Besitzerin Ursula Röllin zuhauf erzählen. Schliesslich führt sie das Motel seit mittlerweile 32 Jahren, in zweiter Generation. Die 56-Jährige sitzt an einem Gartentisch im Innenhof. Typischer für ein Motel könnte der nicht aussehen.

Auch das Gebäude selbst hat die klassische für Motels übliche U-Form. Vor jedem der 20 Zimmer gibt es einen Parkplatz. Vom Auto bis zur Zimmertür sind es genau vier Schritte. Tatsächlich sind hier auch schon Filmszenen für Krimis gedreht worden. Auch ein Musikvideo. Die Kulisse ist offensichtlich authentisch.

Das Motel als Röllin-Familienbetrieb

Ursula Röllin war acht Jahre alt, als ihr Vater das Motel übernahm. Jahrelang hatte sich der gelernte Elektriker zuvor um die Heizung des Hauses gekümmert. Eines Tages fragte ihn der Besitzer, ob er nicht den ganzen Betrieb übernehmen wolle. Tatsächlich kündigte der Familienvater seinen sicheren Job und zog mit vier Kindern und seiner Frau nach Sihlbrugg. «In seinem Job hätte er alt werden können. Aber das Abenteuer hat ihn gereizt.»

1970 wurde das Motel zu einem Röllin-Familienbetrieb. Es folgten «goldene Zeiten», erinnert sich Ursula Röllin. «Von Ostern bis November hatten wir Full House.» Vor allem Amerikaner hätten Motels den Hotels vorgezogen, wohl, weil sie ihnen von zu Hause vertraut waren.

Auch der Dollarkurs spielte eine Rolle: Damals kostete ein Dollar vier Franken – heute kaum noch vorstellbar. «Meine Eltern hatten extra einen Englischkurs in Ägeri besucht, um mit den amerikanischen Gästen kommunizieren zu können.» Die kamen in Scharen. Manchmal sei das Motel so ausgebucht gewesen, dass Ursula Röllin und ihre Geschwister ihre Duvets für die Gäste hergeben mussten. «Wir bekamen stattdessen Wolldecken. Es war der helle Wahnsinn.»

Sie erinnert sich gern an diese Zeit. Die Kinder der Gäste waren ihre Freunde, Weihnachten wurde mit Stämmgästen gefeiert. «Das Motel war unsere Insel.» Ja, es sei eine schöne Kindheit gewesen. Doch damals seien auch Fehler gemacht worden: «Die Preise waren zu der Zeit extrem günstig. Wahrscheinlich zu günstig.» 28 Franken habe das Zimmer mit Zmorge gekostet. «Man hätte sicher mehr rausholen können.»

13 Jahre lang führte Familie Röllin das Motel, beherbergte neben vielen Amerikanern auch Niederländer, die auf der Durchreise in den Süden waren. Dann verunglückte der Vater tödlich. Es sei immer klar gewesen, dass die Mutter das Motel nicht allein betreiben könne. Also stieg die gelernte Köchin Ursula Röllin mit 24 Jahren zusammen mit ihrem damaligen Mann ins Geschäft ein.

Als Flugreisen günstiger wurden, verschwanden zunehmend die Touristen, die vom Norden in den Süden reisten. Auch der Üetlibergtunnel und die neue A4 hätten am Anfang einige Gäste gekostet. Dank Onlinebuchungsplattformen fanden mit der Zeit doch wieder Autotouristen den Weg zu ihr. Spontane Besucher gebe es allerdings kaum noch.

Erst Fremdenlegion, dann Sihlbrugg

Während Ursula Röllin draussen am Tisch ihre Geschichte erzählt, hat sich eine Gruppe von Männern vor einem Zimmer versammelt. Sie sitzen auf Plastikstühlen und schauen durch die offene Tür auf den Fernseher im Raum: Fussball. «Das sind unsere Stammgäste, ich kenne sie gut.» Für manche ist das Motel nicht nur ein Ort für einen Zwischenstopp, sondern es ist zu ihrem Zuhause geworden.

Einer von ihnen ist Patrik Hromada. Seit drei Jahren wohnt der Slowake nun schon im Motel. Hierhergekommen ist er wegen der Arbeit. Hromada ist bei einer Firma gleich um die Ecke als Asbestsanierer angestellt. Weil er im Kanton Zug keine bezahlbare Wohnung fand, zog der 34-Jährige ins 18 Quadratmeter grosse Motelzimmer. 1200 Franken zahlt er dafür im Monat – Reinigung inbegriffen.

Hromada hat sein unpersönliches Motelzimmer etwas wohnlich gemacht. In einer Ecke steht ein Kühlschrank, auf einer kleinen Kochplatte bereitet er sich Essen zu, auf einem grossen Computerbildschirm spielt er Playstation, auf dem Nachttisch liegt ein Buch über John Lennon und Yoko Ono. Hromada liest gern, Dostojewski zum Beispiel. In einer Ecke stehen Büchsen mit Proteinpulver; Hromada geht viel ins Fitnesstudio, und so sieht er auch aus.

Mit dem Zimmer ist er zufrieden. Wobei man sagen muss, dass er auch einiges gewohnt ist. Bevor er in die Schweiz kam, war er in der französischen Fremdenlegion, einer Spezialeinheit für Ausländer im französischen Militär, und kam dabei viel herum. Er hatte das Kommando in Mexiko, in Indien, in Französisch-Guyana, im Dschungel von Brasilien. Doch jetzt möchte er etwas Ruhigeres.

Hromada träumt davon, in die Sicherheitsbranche einzusteigen. Bis jetzt erfolglos. Das macht ihm zu schaffen. «Ich spreche fliessend Französisch und Englisch», sagt der Ex-Legionär auf Deutsch. Doch ihm würden die Kontakte fehlen und der C-Ausweis, den man oft in dieser Branche brauche.

Unterkriegen lassen will sich Hromada aber nicht. «Zu Hause in der Slowakei habe ich eine Frau und eine dreijährige Tochter. Ich will, dass sie stolz auf mich sind.» Damit ihn die Tochter nicht vergisst, malt er ihr mit Buntstiften Zeichnungen, telefoniert regelmässig mit ihr. Schon bald möchte er seine Familie in die Schweiz holen. Spätestens dann werde er das Motel verlassen.

Insel der frisch Getrennten

Seit sechs Jahren lebt Jörg Scharein im Motel. Der Grund, warum er hier ist, ist Ursula Röllin zufolge nicht ungewöhnlich: Der 48-Jährige hatte sich von seiner Frau getrennt und musste auf die Schnelle eine Bleibe suchen. «Das Motel ist für solche Fälle eine gute Zwischenlösung», sagt Ursula Röllin. Das ist Schareins Motelleben schon lange nicht mehr. Der gebürtige Deutsche sagt, er sei hier kleben geblieben. «Wenn ich wieder eine Partnerschaft hätte, wäre der Auszug sicher ein Thema.»

Mittlerweile ist das Fussballspiel vorbei, und die Mitglieder der Motel­Männer-WG ziehen sich in ihre Zimmer zurück. Ursula Röllin sitzt noch immer draussen und schaut in den leeren, gelb beleuchteten Innenhof. Zu ihr hat sich nun auch ihr Mann Roger Landtwing (56) gesetzt, mit dem sie das Motel führt.

Die beiden wohnen wie ihre Stammgäste im Motel – allerdings nicht in einem Zimmer, sondern in einer eigenen Wohnung. Man müsse hier wohnen, anders könne man so ein Unternehmen gar nicht betreiben. Am Anfang seien sie noch rund um die Uhr für die Gäste da gewesen. Mittlerweile hätten sie aber ihre Haustürklingel vom Strom abgehängt. «Damit wir nicht mehr mitten in der Nacht rausgeläutet werden. Bei einem Notfall kann man auf das Handy anrufen.»

Ursula Röllin hat zu ihren Gästen und besonders zu den Dauergästen ein gutes Verhältnis, wie sie sagt. Gelegentlich hilft sie ihnen sogar, eine eigene Wohnung zu finden. Und sie hört ihnen vor allem zu. Manchmal werde die ganze Lebensgeschichte ausgebreitet und nicht selten werde sie um Ratschläge gebeten.

Aus diesem Grund hat die Motelbesitzerin sogar eine Coachausbildung gemacht, um richtiges Zuhören zu lernen. «Ich wurde über die Jahre immer wieder mit Dingen konfrontiert, auf die ich keine Antwort wusste.» Seit sie diesen Kurs absolviert hat, versucht sie das eigentliche Problem hinter dem geschilderten Problem herauszuhören.

Ursula Röllin hat in den vergangenen Jahrzehnten zwar viel von den Problemen ihrer Gäste gehört, jedoch selten welche mit ihnen gehabt: «Für zwielichtige Gestalten habe ich ein ziemlich gutes Bauchgefühl entwickelt», sagt sie. Sei so eine an der Rezeption, ist das Motel eben plötzlich ausgebucht.

Einmal versagte ihr Bauchgefühl jedoch. Sie erinnert sich an den Tag, an dem eine Gruppe von Geschäftsleuten, ohne zu zahlen, abreisen wollte. «Die hatten uns schon die ganze Woche schikaniert, ihnen passte dieses und jenes nicht, und dann wollten sie einfach abhauen.» Doch so lässt Röllin nicht mit sich umspringen. Kurzerhand wies sie eine Mitarbeiterin an, einen kleinen Traktor, der sonst als Schneepflug dient, in die Auffahrt des Motels zu stellen. Die Zechpreller waren blockiert, um den Rest kümmerte sich die Polizei.

Zwielichtige Gestalten wie die Zechpreller sähe man aber im Motel kaum. Das Gastgeberpaar tut viel, um nicht dem Klischee der schäbigen Absteige zu entsprechen. Dazu gehört auch, dass es unter keinen Umständen ein Motel für gewisse Stunden sein möchte. «In Italien werden Motels fast ausschliesslich als Stundenmotels genutzt», sagt Roger Landtwing. In Sihlbrugg kann man deshalb auch erst ab 17 Uhr einchecken, das Schäferstündchen über Mittag kann also schon mal nicht stattfinden. «Dafür gibt es mittlerweile sowieso viel anonymere Hotels. Hier sieht man ja, wer mit wem ins Zimmer geht. Diskret ist das nicht.»

Wenig Komfort, jedoch nicht schäbig

Gegen Mitternacht verabschieden sich Ursula Röllin und Roger Landtwing. Es ist ruhig in Sihlbrugg. Der Verkehr ist verstummt, die Gäste scheinen zu schlafen. Wer ein Zimmer im Motel nimmt, den erwartet wenig Komfort, aber schäbig ist es nicht. Holzwände, Doppelbett, Korkboden.

Hier übernachten, kein Problem, aber hier wohnen? Der Begriff Insel, den Ursula Röllin verwendete, passt ganz gut zu dem Gefühl, das dieses Motel vermittelt. Man ist irgendwo im Nirgendwo.

Am nächsten Morgen sind die meisten Gäste schon abgereist oder zur Arbeit gegangen. Zu den Stammkunden zählen auch Arbeiter, die für ein paar Monate in nahegelegenen Firmen und auf Baustellen arbeiten, um dann wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Die beiden Motelbetreiber haben das Frühstücksbuffet vorbereitet: Käse, Brot, Konfitüre; es gibt frischen Kaffee. Abendessen serviert das Motel seit gut zehn Jahren nicht mehr, und bald könnte auch das Morgenessen vom Angebot verschwinden. Zu gering ist die Nachfrage.

Schwierige Suche nach Nachfolgern

Auch die Tage des Motels selbst sind wohl bald gezählt – zumindest unter der Führung von Ursula Röllin. Sie sucht einen Käufer, denn keines ihrer drei Kinder will den Betrieb übernehmen. «Ich möchte nicht bis zur Pensionierung warten, um etwas Neues anzufangen», sagt sie. «Endlich mal am Wochenende Zeit für sich zu haben, das wäre schön. Das hatte ich die letzten 30 Jahre nicht.»

Erst vor Kurzem scheiterten Verhandlungen mit dem Kanton Zug. Ursula Röllin hatte das Motel zur Miete als Asylunterkunft angeboten. Doch die Auflagen des Kantons und die damit verbundenen Investitionen sind zu gross. Ursula Röllin zog sich zurück und bedauert das. «Die Nutzung als Asylheim hätte zum Motel gepasst. Es war immer ein Auffangort. Und Asylbewerber brauchen das am meisten.»

Ein neuer Besitzer könnte das Motel noch einige Jahre führen, dann stünden grössere Sanierungen an. Dass das passiert, sei unwahrscheinlich. «Es braucht sehr viel Herzblut, einen solchen Betrieb am Laufen zu halten», sagt sie. Zumindest dann, wenn man keine anonyme Absteige sein wolle, sondern einer der letzten Zufluchtsorte dieser Art.

 

Alle Bilder: Copyright: Holger Salach

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.